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Ein Tag mit Reiner

„Warum machst du mit vierzig noch eine Ausbildung?“ Die Frage bekomme ich seit zwei Jahren sehr häufig gestellt und meine Antwort darauf ist: „Weil ich es kann!“ So einfach ist das allerdings gar nicht. Kurz gesagt: Die Rückkehr in die Altenpflege war ein Schock. Mir selbst hat die Ergotherapie in 2015 Mut gegeben nicht aufzugeben. Um die vierzig resümiert jede Frau ihr Leben. Und Leben braucht Veränderung.“ Oh ja! Und was sich alles verändert hat seit 2017…das wird hier sicher immer wieder mal Thema werden, heute geht es jedoch um etwas ganz anderes.

Als Auszubildende befinde ich mich in der glücklichen Lage im Sommer sechs lange Wochen Ferien zu haben. Klar, ich bin alleinerziehend und das bedeutet, es wohnen noch zwei Halbwüchsige mit mir zusammen, die fast zur gleichen Zeit die Schulfreiheit genießen. Jede Mutter und auch jeder Vater weiß was das bei Teenagern bedeutet. Ständige Motivation nicht den ganzen Tag vor der Konsole oder dem TV zu hängen – demnach muss auch ich mal raus. Vorbildfunktion und so.
Nun ist es so, dass wir in der Ausbildung vor jeder langen Praxiserfahrung Prüfungen ablegen müssen, um überhaupt zum Praktikum zugelassen zu werden. Im Oktober geht es ins dritte Praktikum. Ergo: nach den Ferien kommen die Prüfungen. Deren Ergebnis nicht ins Examen einfließt und demanach lediglich unnötiger Stress ist Sechs Wochen Ferien bieten sich da eigentlich zum Lernen an. Im letzten Jahr habe ich mich auch noch verrückt gemacht und viel gelernt. Dieses Jahr sieht das etwas anders aus…

Heute ist der letzte Wochentag der Ferien. Mein Plan war, bis eben heute sehr gut vorbereitet zu sein, damit ich am Montag locker und flockig wieder in die Schule gehen kann. Die ersten zwei Wochen war ich auch sehr motiviert. Man muss ja erst mal in die freie Zeit ankommen und das geht ganz gut, wenn man sich noch ein paar Tage am Schreibtisch schulisch betätigt. So schrieb ich Scripte über mein Wissen auf dem PC, füllte meinen Karteikartenkasten mit eben schlauen Karteikarten, letterte Mindmaps…dann kam ich in den Ferien an und lebte so in den Tag hinein. Und genau wie man erst mal in den Ferienmodus kommen muss, braucht es Zeit, um da wieder rauszukommen.
Wie gesagt: heute enden meine Ferien. Gefühlt habe ich nichts erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Obwohl. Ich habe saubere Böden, streifenfreie Fenster, weggewaschene Wäscheberge, alltägliche Lebensmittel und Gewürze in einem ordentlichen Schrank. Oh, und eine neue Kladde habe ich, die mir als Kalender dienen soll. Selbstgestaltet natürlich. Ich will ja Basteltante werden. Oder war es doch wirklich Ergotherapeutin? Cool…wieder ein neues Thema im Entwurf! Jedenfalls habe ich all diese Dinge diese Woche ereledigt! Es lebe die Prokrastination. Um Ausreden ist man ja nie verlegen. Was dann plötzlich alles geschafft werden kann, worauf man sonst keinen Bock hat. Haushalt hat eben Vorrang. Bei mir. Ja nee…is klar.

Kommen wir zu Reiner. Reiner Lerntag ist sein voller Name. Mit ihm hatte ich diese Woche einige Dates, die ich dann aus den genannten Gründen abgesagt habe. Reiner war gar nicht böse. Er teilte mir mit, er habe ja immer Zeit. Wenn ich Lust auf ihn habe, soll ich Bescheid sagen. Dann sei er zur Stelle. Sorry Reiner, du bist eigentlich ein toller Typ. Trotzdem hatte ich bisher keine Muse dich zu daten.
Ich führe kein Tagebuch in dem Sinne, doch hier ein kleiner Einblick in die vergangene Woche

Montag, 12.08.2019:
In Hessen startet die Schule. Mir bleibt noch eine Woche Ferien. Ich stehe um fünf Uhr auf, werde erstmal munter, wecke die Kinder, bereite Frühstück vor.
Die Kinder verlassen pünktlich das Haus und bevor ich mich an den Schreibtisch setze, widme ich mich der Morgenhygiene. Will schön sein für Reiner. Allerdings fühle ich mich zu schön und overdressed für den Schreibtisch. Das Wetter ist ganz gut, ich geh erstmal ne Runde spazieren. Bewegung ist wichtig! Danach frühstücke ich, zappe mich durchs TV – ich habe ja Ferien, da kann ich das mal nutzen. Oh, Kinder wollen warmes Mittag- statt Abendessen, solange ich zu Hause bin. Also koche ich, Kinder kommen recht gut gelaunt nach Hause. Wir essen. Gehört ihr auch zu den Menschen, die nach dem Essen erstmal müde werden? Ich schon. Siesta ist angesagt. Danach Zeit mit den Kindern verbringen. Abendessen. Nicht schlimm. Ich bin ja eh der Typ, der abends oder gar nachts besser lernen kann. 21:00 Uhr. Kinder lesen. Ich bin müde. Ach komm, bin ich vielleicht doch der Morgenlerntyp.

Dienstag, 13.08.2019:
Spontan zum Mittagessen mit zwei Freundinnen verabredet. Ja, danach wieder müde. Siesta. Gleiches Spiel wie gestern. Aber Morgen…MORGEN habe ich ein Date mit Reiner!

Mittwoch, 14.08.2019:
Ich lerne mit meiner befreundeten Schulkollegin. Effektiv ist anders. Nachmittags total geschafft vom Nichtstun. Und Abends? Zeit mit den Kindern verbracht. Hab ja noch Zeit und außerdem festgestellt, dass die erste Prüfung nicht nächsten Mittwoch, sondern Donnerstag stattfindet. Party!

Donnerstag, 15.08.2019
HEUTE lerne ich! Ganz bestimmt! Aber erstmal aufräumen, sonst fühl ich mich nicht wohl. Ach, wenn ich schon dabei bin, mach ich doch gleich die Böden mit. Und den Schrank mit Gewürzen. Mist, da fehlen ja welche. Ok, geh ich doch einkaufen. Weil ich abends ausgehen möchte, gibt es gemeinsames Mittagessen. Danach lern ich. Bestimmt! Menno, warum werde ich immer so müde nach dem Essen? Ok, Hörbuch an. Nur eine halbe Stunde! Eingeschlafen…vor dem Ausgehen lohnt es sich auch nicht mehr was in die Birne zu kloppen. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich habe bereits geputzt. Und eingekauft.

Freitag, 16.08.2019:
Im Gegensatz zu den letzten drei Tagen bin ich wieder früh aufgestanden. Nicht um fünf, aber um sechs Uhr. Motivation ist anders, aber heute muss ich ja lernen. Das wieder alltägliche morgendliche Prozedere durchgeführt. Kinder sind aus dem Haus. Und was mache ich? Ich sitze am Schreibtisch. *tadaaaa. Alle meine Unterlagen neben mir. *tadaaatadaa. Doch irgendwie hat mich ein Gespräch gestern Abend darauf gebracht, heute genau diesen ersten Blogeintrag zu verfassen. Bis heute Abend habe ich gelernt. Versprochen! Nicht euch, liebe Leser, sondern mir.

Ich bin keine schlechte Schülerin. Eigentlich kann ich auch bereits viel von dem, was die nächsten Wochen geprüft wird. Wissen aneignen fällt mir trotz meiner vielen Lenze nicht wirklich schwer. Und wie ich gerade für Neuropsychologie lernen durfte, ist das Gehirn bis ins hohe Alter fähig, Synapsen zu bilden. Bei mir scheint lediglich ein Fehler der Anatomiesynapsenbildung vorzuliegen. Ooops, mein Herz stolpert. Ach, krieg ich auch irgendwann hin. Ich krieg alles hin!
Ohne die Bimbelkrätz zu kriegen kann ich einfach nichts tun. Ich brauche Stress. Adrenalin. Seit Jahren arbeite ich an mir, nicht alles auf den letzten Drücker zu erledigen. Aber nur so kann ich all die Dinge, die ich eben kann. Und warum sollte ich etwas ändern, was mich eigentlich nicht stört?

Also doch lieber:
never CHANGE a RUNNING system

Mein Dank geht heute an Reiner! Auch wenn ich dich nie wirklich treffe, du könntest immer und jederzeit für mich da sein.

In diesem Sinne…
Gehabt euch wohl!

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